Adam und Eva im Paradies

 

Adam und Eva im Paradies

 

- diese Geschichte könnte auch ganz anders erzählt werden:

 

Wer waren Adam und Eva? Haben sie wirklich existiert oder stehen sie für das erste Paar? Genau wissen wir es nicht. Die Abstammungstheorie sowie die Untersuchungen durch den genetischen Marker im Y-Chromosom zeigen uns das Bilder einer Entwicklung im Osten Afrikas und einer anschliessenden Wanderung und Ansiedlung über alle Kontinente. Da wir uns gerne ein Bild machen wollen, damit wir uns unsere Existenz erklären können, haben wir Menschen unsere Entstehungsgeschichte in allen Kulturen gerne in Geschichten verpackt. Für das Christentum steht in der Bibel eine solche Geschichte mit Adam und Eva im Paradies. Hier begann die Existenz des Menschen mit einem unschuldigen wunderbares Sein in einem Land, das keine Wünsche offenlies, eben paradiesisch …   

 

Was genau war denn der „paradiesische“ Zustand? Männer und Frauen lebten zusammen in Gruppen. Familien in unserem heutigen Sinne gab es nicht. Die Gruppe war die Gemeinschaft, in und mit der man um das Überleben kämpfte. Hier waren Adam und Eva ein Sinnbild für eine Gruppe aus Menschen. 

 

„Und sie waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und sie schämten sich nicht“ (1. Mose 2.25). Sie schämten sich auch nicht des Miteinanders, weil für sie die Sexualität bzw. der Koitus als Teil der Kommunikation eines Miteinanders in einer Gruppe gelebt wurde. Das Bild der Nacktheit steht hier für diese Art nicht wertenden Miteinanders. Die Sexualität wurde als Teil der Kommunikation ohne die heutige Be-Deutung gelebt. 

 

Siehe auch meinem Blogbeitrag: http://www.viearte.ch/blog/2016/03/24/Geschichte-der-Sexualität.aspx  

 

Und die Geschichte mit dem Apfel? Ein schönes Bild, das Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen hat. Was kann das bedeuten? Und warum war das so gravierend, dass beide, Adam und Eva daraufhin aus dem „Paradies“ vertrieben wurden? 

 

Ging es um eine Erkenntnis, von der „Gott“, also ein höheres Wesen nicht wollte, dass der Mensch diese erlangen soll? Warum nicht? Weil es dem Menschen nicht zugetraut wurde, dass er mit dieser Erkenntnis umgehen kann? 

 

Ein paradiesischer unschuldiger Zustand sollte erhalten bleiben. War es das „unschuldige“ Miteinandersein mit der Sexualität als Kommunikationsform? Was wäre das, in diesem Sinne schuldig zu werden? Schuld daran zu sein, dass ein Kind daraus entstehen kann? War es vielleicht das Erkennen, dass der Koitus mit der Fortpflanzung zu tun hat? Immerhin war es die Entstehung neuen Lebens und das ist „göttlich“ und ein „Wunder“.  

 

Wenn wir Fragen wie diese mit Ja beantworten, dann war diese Erkenntnis wahrhaftig die Vertreibung aus einem Paradies: Und Eva nimmt den Apfel vom Baum der Erkenntnis und reicht ihn Adam. Eva erkennt den Zusammenhang zwischen Koitus und dem neu entstandenen Leben, den Zusammenhang zwischen Sexualität und Fortpflanzung. 

 

Dies zu erkennen kann das Ergebnis weiblichen Fühlens und Denkens gewesen sein, denn im weiblichen Körper spielt sich Schwangerschaft ab. Das bedeutet noch nicht, dass es das heutige Wissen war, sondern nur der einfache Zusammenhang zwischen dem Koitus und der Geburt eines Kindes neun Monate später erkannt wurde.  

 

Wir nehmen „Eva“ in unserer Betrachtung nicht als eine einzige Person wahr, eine einzige Frau, die zu dieser Erkenntnis kam, sondern „Eva“ steht für das weibliche Wesen an sich. Es hat Generationen von Frauen gebraucht und Erkenntnisse sind mit jeder Generationen gewachsen: der Sexualverkehr und was dabei aus dem Manne in die Frau fliesst (Samenerguss), aus diesem Saft, entsteht etwas im weiblichen Körper, das zu einem Kind, einem neuen lebenden Wesen führt. Dieses Erkennen kann aus der Beobachtung des eigenen (weiblichen) Körpers heraus entstanden sein. Es gab zu allen Zeiten die „weisen Frauen“, die die anderen Frauen bei Schwangerschaften unterstützt haben. Neugierig begleiteten sie den weiblichen Zyklus und die Geburten. Diese weisen Frauen, über die auch in vielen anderen Kulturen berichtet wird, können zur Einsicht gelangt sein, dass die Kopulation mit der Geburt eines Kindes im Zusammenhang steht. Und daraus haben sie einen Schluss gezogen: Sex dient der Fortpflanzung. Das ist natürlich jetzt sehr modern ausgedrückt. Es war wohl eher: das was du da in mir hinterlässt beim hinein- und hinausgehen führt irgendwie zu einem Nachkommen neun Monate später. Was für eine Erkenntnis von Eva, von Frauen! Nach Generationen von Neugier und Fragen, nach vielen Jahrtausenden dämmerte es „Eva“, das der „Saft“ des Mannes dazu beiträgt, dass Kinder geboren werden.  

 

Und Eva hat wohl nicht geschwiegen. Sie hatte vom „Baum der Erkenntnis“ ein Wissen erhalten, dass die ganze paradiesische Welt auf den Kopf stellte. Das Mysterium der Geburt, das Wunder wie es zu neuem Leben, zu Kindern kam, war keines mehr. Die Kinder kamen nicht von Göttern. Sie hatten mit den Männern zu tun. Und diese Erkenntnis kann den paradiesischen Zustand des Miteinanders beendet haben. Auf einmal hatte Sex eine Be-Deutung: Fortpflanzung und diese findet statt zwischen „Adam und Eva“.  

 

Den männlichen Gruppenmitgliedern wurde klar, sie zogen nicht die Kinder der Götter gross, was eine Gruppenaufgabe gewesen wäre, sondern sie zogen die eigenen Kinder und die der anderen Männer, die mit den Frauen kopulierten, auf. Da das Aufziehen von Kindern ein enormer Energieaufwand ist, setzte sich in der Folge ein anderes Verhalten durch. Männer wollten nur noch für das Aufziehen der eigenen Kinder die Verantwortung und die Energie aufbringen, nicht aber für die Kinder der anderen Männer. Ein im wahrsten Sinne des Wortes unschuldiges Miteinander war nicht mehr möglich. Weder mit der Frau noch mit den anderen Männern, die ja zu Konkurrenten wurden. 

 

Nun hatte die Gruppe ein Problem und damit war „die Vertreibung aus dem Paradies“ komplett. Jeder Mann wollte sicherstellen, dass er seine eigenen Kinder grosszog. Vielleicht kam es hier in unserer Geschichte zum ersten Mal zum Begriff des Eigentums. Es gehört jemandem etwas persönlich. Die Frau wurde zum Eigentum des Mannes: er wollte sie be- und überwachen und sicherstellen, dass der Sexualakt ausschliesslich von ihm vollzogen wurde.  Mit „seiner“ Frau, damit er sicher sein konnte, nur die eignen Kinder aufzuziehen. Zu einem späteren Zeitpunkt komme ich im Blog noch auf die irrationalen Auswüchse dieses Eigentum-Bewusstseins zu sprechen.  

 

Die Frau hatte nun ihre Stellung als Gefährtin der Götter ebenso verloren wie die besondere Stellung in der Gruppe. Der Mann überwachte sie, um an Kinder zu kommen, die ausschliesslich von ihm abstammten. Noch bis heute wird in der Regel die Abstammung über den männlichen Stammbaum (Patriarchat) definiert und hat damit wesentlichen Einfluss auf die Erbfolge und auf die entstehenden Gruppenstrukturen. Die Abstammung über den weiblichen Stammbaum (Matriarchat) ist auch dokumentiert. Matriarchat ist jedoch eher ein Kunstbegriff gegenüber dem Begriff Patriarchat und erst im 18. Jahrhundert entstanden. 

 

Die besondere Bedeutung der Frau in der Frühzeit der Entwicklung des Menschen ist bis heute ein Zankapfel in der Wissenschaft. Damit sind wir beim aussagekräftigen Symbol des Apfels angekommen und das ist durchaus spannend. Denn das der Apfel hier als Symbol auftaucht kann kein Zufall sein. 

 

Der Apfel in der Hand Evas (oder im Maul der Schlange, je nach Bild) verknüpft sich mit der Vorstellung vom Apfel als Weisheits- und Erkenntnissymbol. Der „Apfel“ ist eine spätere Festlegung der Frucht in dieser Geschichte. Ursprünglich wird im Text der Geschichte von Adam und Eva von „der Frucht vom Baum des Lebens und der Erkenntnis“ gesprochen. Hier war die Unterscheidung zwischen Gut und Böse gemeint, die die Erkenntnis nach dem Biss in die Frucht den Menschen brachte. 

 

Um wie viel gewichtiger wäre die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Koitus und Nachkommen. Und hier ist der Apfel symbolhafter als die Bezeichnung „Frucht“. 

 

Schauen wir uns die Symbolik unserer und anderer Kulturen an, so treffen wir bei den Griechen auf Dionysos, den Schöpfer des Apfels, der ihn der Liebesgöttin Aphrodite schenke. Oder die Erdmutter Gaia, sie schenkte Hera zur Hochzeit mit Zeus den goldenen Apfel. Bei den Kelten galt der Apfel als ein Symbol für Weisheit und Wissen, ihm wurde die Kraft zugeschrieben, die ewige Jugend zu verleihen und den Tod zu überwinden. Als solches Symbol taucht er in der Hand von Jesus oder Maria in Kunstdarstellungen wieder auf und symbolisiert den Sieg über Sünde und Tod. Er gilt als Herrschaftssymbol im Himmel und auf Erden. Für weltliche Herrscher wurde er später zum Reichsapfel. 

 

Aus dieser komplexen Symbolhaftigkeit heraus trägt er also auch den Aspekt der Verführung und Sündhaftigkeit in sich. Ihn zu pflücken und zu essen ist mit weiblich-schlangenhafter Verführungskraft, Sexualität und Bewusstseinsentwicklung verbunden. In der Beziehung von Mann und Frau in all ihren Facetten ist er ein Symbol für eine ganzheitliche runde Form, die Gegensätzliches vereinigt: der Beischlaf als Ergebnis der Sexualität, von Liebe, von Fruchtbarkeit, von Macht und Zwietracht. Auch weibliche Brüste werden oft mit Äpfeln verglichen. Das vertikal durchgeschnittene Kerngehäuse erinnert gar an die Vulva. 

 

Vom Baum der Erkenntnis zu essen hat also in der Symbolik viel mehr mit Sexualität zu tun als mit dem „Erkennen von Gut und Böse“. Geschichten entstehen aus alten Symbolen und Mythen. So wird es auch bei der Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies gewesen sein. Und die Symbole deuten mehr auf einen Zusammenhang mit der Sexualität hin und auf das Erkennen wie menschliches Leben entsteht. 

 

Eine wahrhaftige Vertreibung aus dem Paradies. 

 

Fassen wir die Geschichte einmal zusammen: 

 

Es ist Eva, die die Erkenntnis (sie isst vom Apfel) hat. 

 

Es ist Eva, die die Erkenntnis an Adam weitergibt (sie reicht ihm den Apfel). 

 

Beide erkennen einander und wissen, dass Sex zu haben für Nachwuchs sorgt. 

 

Adam bewacht Eva fortan, da es sehr viel Energie erfordert, es also sehr viel kostet, Kinder gross zu ziehen und er daher keine fremden Kinder (Kuckuckskinder) aufziehen möchte. 

 

Damit ist die Vertreibung aus dem paradiesischen Leben in Freiheit und freiem Miteinander in der Gruppe verloren. Die Sexualität ist nicht mehr Teil der Kommunikation sondern wird im Bewusstsein für die Fortpflanzung eingesetzt. Und Adam will nur seine Brut aufziehen.  

 

Gehen wir noch etwas weiter in der Geschichte und wir begegnen dem Bild des paradiesischen Zustandes noch einmal: in der „unbefleckten“ Empfängnis. Maria ist schwanger und das nicht von einem Mann sondern von einer göttlichen Macht. Da ist er wieder der alte Mythos von der Frau, die Kinder gebären kann und diese kommen von den Göttern. Damit spielt Maria eine ganz besondere Rolle im christlichen Glauben und vor allem im katholischen Glauben. Die Marienverehrung ist eine ganz besondere Form der Anbetung, die an eine weit zurückliegende Frauenverehrung anknüpft.  

 

Deutung, Be-Deutung, Um-Deutung… „Adam und Eva und die Vertreibung aus dem Paradies“ eine Geschichte einmal anders betrachtet, die uns alle mehr oder weniger prägt, ohne dass wir es bemerken. Nehmen wir doch einfach probehalber diesen Standpunkt ein wie einen Ort, von dem aus wir neu auf die Gesellschaft bis heute blicken können. Es geht hier nicht um Wirklichkeit oder Wahrheit sondern um das spannende Abenteuer, Altes einmal in einem anderen neuen Licht anzusehen… 

 

 

 

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